Das Outing als transsexuelle Frau

Das Outing dürfte einer der schwierigsten Aspekte sein, wenn man die von aussen wahrgenommene soziale Geschlechterrolle dem Inneren anpasst. Die schlechte Nachricht ist, es ist eine harte Knochenarbeit. Die gute Nachricht ist, man ist in der Regel im Nachhinein erstaunt, wie leicht es doch war.

Alles oder nichts?
Als erstes stellt sich die Frage der Strategie, dabei gibt es zwei Wege. Entweder Du outest Dich immer mal wieder in möglichst lang von einander liegenden Abständen beim Einen oder Anderen und ziehst diesen Prozess so bis zum jüngsten Tag hin, oder Du ziehst alles an einem Band durch. Meine Wortwahl zeigt bereits, was ich empfehle. Die Angst vor dem Outing ist riesengross, man befürchtet, dass man die ganze Welt verliert, niemand einem versteht und alle einem den Rücken kehren. Vielleicht ist dem so, vermutlich eher nicht. Aber diese Angst verführt einem dazu, das Outing stückweise zu vollziehen und damit quält man sich durch eine endlose Zeit und verlängert den Zustand der Angst und Unsicherheit immens. Ich selbst habe die Augen-zu-und-durch Variante gewählt und bin damit sehr gut gefahren.

Kettenreaktionen führen zum Super-GAU
Man neigt dazu, sich dazu verleiten zu lassen, dass man es möglichst wenigen Leuten sagt und sich darauf verlässt, dass die Anderen es dann indirekt erfahren. So erspart man sich das direkte Outing, umgeht die Angst, aber was kommt dabei heraus? Man kennt das mit Gerüchten. Sage ich einer Person etwas und diese erzählt es weiter, wird nicht dasselbe ankommen. Nach der fünften Weitergabe bleibt nur noch wenig von der ursprünglichen Mitteilung übrig. Das ist der ideale Nährboden für Gerüchte und Fehlinterpretationen. Eine Kettenreaktion führt zu einer unkontrollierbaren Explosion.

Direkte Offenheit entwaffnet
Menschen sind überraschend lernfähig und noch überraschender tolerant. Wenn Du Dich vor jemanden hinstellst, ihm in die Augen schaust und ihm objektiv etwas erklärst, direkt und ohne Scheu, dann wird das auch entsprechend ankommen. Missverständnisse beruhen auf Unwissen, die einzige Waffe dagegen ist Offenheit. Je weniger Du sagst, umso mehr muss interpretiert werden und umso mehr wird missverstanden. Offenheit braucht Überwindung, aber sie lohnt sich.

Augen zu und durch
Die Zeit vor dem Outing ist der pure Horror, man ersäuft in Angst, stellt sich die schlimmsten Worst-Case Szenarien vor und macht sich völlig verrückt. Und das wird solange dauern, bis man alle, wirklich alle Outings durch hat. Deshalb gibt es nach meiner Erfahrung nur einen Weg, zieh das so rasch wie möglich durch, von A bis Z. An dem Tag, an dem Du das letzte Outing hinter Dir hast, wirst Du erleichtert und frei sein, wie nie zuvor in Deinem Leben. Es gibt keine Angst mehr, keine Ungewissheit, Du bist jetzt wirklich frei Dich selbst zu sein. Vielleicht verlierst Du unterwegs einige Leute, aber diejenigen die einem deswegen den Rücken kehren, waren es nicht wert, weil gute Freunde einem nehmen wie man ist und nicht wie sie einem gern hätten. Ich habe diesen Weg gewählt, habe innert wenigen Tagen alle darüber informiert, wer ich bin, wer ich sein werde und was mich dazu treibt, mein Leben derart auf den Kopf zu stellen. Nach wenigen Tagen war der Spuk vorbei, es kostete unglaublich viel Kraft und ich musste die schlimmsten Ängste überwinden, aber lieber ein paar Tage die Hölle durchqueren als ein Leben lang garen.

Lösch das Feuer im Zentrum
Jeder Feuerwehrmann weiss, wenn Du am Rand des Feuers löschst, kannst Du bis zum jüngsten Tag löschen. Beginne im Zentrum, denn wenn das Zentrum mal gelöscht wird, verliert auch der Rest seine Kraft. So ist es auch mit den Outings. Man neigt dazu, lieber zuerst die einfachen Outings zu machen, sozusagen zum Üben. Aber so wird man während all der Zeit ständig von Furcht begleitet, weil es immer noch schlimmer wird. Ich habe den umgekehrten Weg gemacht und habe mit den Outings begonnen, vor denen ich mich am meisten gefürchtet habe. Schon wenn Du das erste und schwerste Outing hinter Dir hast, wird von da an alles nur noch einfacher, Du hast das Schlimmste hinter Dir. Man kann allenfalls zuerst die besten Freunde einweihen, von denen man annimmt, dass sie gut damit umgehen werden, sozusagen als Übung und um Mut zu bekommen. Aber man sollte keinesfalls die beängstigsten Outings bis zum Schluss aufsparen, das wäre total zermürbend und man wäre ständig von Angst begleitet.

Was muss gesagt werden
Es gibt verschiedene Gruppen von Menschen, denen man das Ganze unterschiedlich erklären muss. Einerseits ist es das persönliche Umfeld (Familie u.s.w.) der man sehr vertieft und nachfühlbar erklären muss, wie gross der Leidensdruck ist, der einem zu diesem Schritt zwingt. Dann gibt es das weitere Umfeld (Firma, Freundeskreis), denen man einfach die Fakten erklären muss.

Der engste Kreis
Der schwierigste Teil sind die engsten Freunde, die Familie und alle die einem wirklich lieben. Da reicht es nicht, sie einfach mit Tatsachen zu konfrontieren. Sie verlieren ihren Mann, Vater oder was auch immer. Ihnen muss man erklären, wie gross der Leidensdruck ein Leben lang war, wie wichtig es für einem ist, dass dies der einzige Weg ist um ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Wer einem liebt, der will, dass es einem auch gut geht. Das ist der Angelpunkt an dem man sich erklären muss. Wenn jemand Dich wirklich liebt und begreift, wie schlimm Dein Leben bisher war und wie glücklich Du sein könntest, dann kann diese Person nicht anders als Dich zu nehmen wie Du bist. Hier braucht es viele Gespräche und vorallem kompromisslose Offenheit.

Der weitere Kreis
Menschen im weiteren Freundeskreis wie Firma u.s.w. kommen nach meiner Erfahrung recht gut damit klar. Bei ihnen reicht es in der Regel, mit wenigen Worten zu erklären, dass man ein Leben lang gelitten hat und dass man sich nun das Recht nimmt, diesem Leiden ein Ende zu setzen. Menschen sind heutzutage sehr tolerant und die meisten gehen nach dem Motto: solange Du ein netter Mensch bist, kannst Du Mann, Frau oder Erdferkel sein, das ist mir egal. Bei meinen Outings im Geschäft habe ich mit allen gesprochen, aber meist nur wenige Minuten. Das reichte, damit sie akzeptieren konnten, dass ich halt fortan irgendwie anders in Erscheinung treten werde und in den Rest wachsen sie rein, früher oder später.

Halt den Kopf hoch
Wichtig bei allen Outings ist die richtige innere Einstellung. Du hast nichts zu beichten, es gibt nichts weswegen Du Dich schämen müsstest. Du hast ein Problem und das muss gelöst werden und Du weisst die Lösung und wirst diese auch vollziehen. Du legst kein Geständnis ab, Du informierst. Es ist Dein Leben und nur Du hast das Recht über Dich zu entscheiden. Du veränderst Dich, aufgrund des Rechts auf Selbstentfaltung, das jedem Lebewesen zusteht. Du bist nicht schlechter als Andere, Du bist nur ein wenig anders und diese Andersartigkeit ist kein Makel sondern einfach Deine ganz eigene Wesensart, die so gut oder schlecht ist wie jede Andere auch. Du gehörst zu den wenigen Menschen, die den Mut haben, für sich selbst einzustehen und sich selbst treu zu sein, dafür muss man sich nicht schämen, das zeichnet einem aus.

Das Positive überwiegt
Beim Outing riskiert man einiges, verliert vielleicht Menschen die einem lieb sind, aber die sind es wie bereits gesagt nicht wert. Wenn jemand Dich ablehnt, nur weil Du Dich selbst retten willst, dann verlierst Du nichts, einfach gar nichts an diesem Menschen. Nach meiner Erfahrung können die meisten Menschen überraschend gut damit umgehen. Sie sind irritiert, brauchen eine gewisse Zeit um mit dieser Veränderung klar zu kommen, aber schlussendlich mögen sie den Menschen der Du bist, ob Du nun Hosen oder Rock anhast.

Dieser Beitrag ist eine Kopie eines Textes aus meinem Fragen-Blog:
Outing – wie sag ich’s wem?
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